Es gab keinen konkreten Termin, an dem ich mir sagte: So, jetzt segelst du nonstop einhand um die Welt.
Es war vielmehr ein Keim, der lange im Boden oder im Wasser schlummerte oder schwamm, ohne zu wissen, dass er überhaupt dort ist. Ähnlich einer Kokosnuss, die lange im Meer treibt und erst nachdem sie angespült wurde, wächst und gedeiht.
Mein erster Kontakt mit der Einhandsegelei ergab sich Mitte der Neunziger Damals verkaufte ich in Berlin-Köpenick Dehleryachten. Einer unserer Skipper segelte für uns eine Dehler 43 Einhand aus der Karibik nach Spanien. Für mich war das damals fast unvorstellbar.
Im Laufe meiner Skipperkarriere habe ich dann verschiedene Bücher über das Einhandsegeln gelesen. Das wohl damals Beeindruckendste war das Buch von Joshua Slokum. Obwohl ich aus heutiger Sicht sagen muss, dass einige seiner Geschichten doch mehr an Münchhausen erinnern.
Wie viele andere von euch habe auch ich die Vendée Globe seit ihren Anfängen verfolgt sowie andere weltweite Hochseeregatten. So auch die Reise von Boris Herrmann mit seiner Class-40-Beluga im Jahr 2008/2009.
Ich habe im Laufe der Jahre so ziemlich alle Bücher von Joschua Slokum, Bernard Moitessier, Robin Knox-Johnston, Wilfried Erdmann und all den anderen grossen Einhandseglern gelesen.
Ich selbst bin seit 1985 auf Dickschiffen auf den Meeren dieser Welt unterwegs. Mein erster Skipperjob war die Überführung einer Dehler 41DS von Genua nach Mallorca im Jahr 1996.
In den Jahren 1996 bis 2001 bin ich dann für das Schönicke-Skipperteam als Skipper weltweit unterwegs gewesen. Selbst während dieser Zeit hatte ich nicht das Bedürfnis, solch eine Reise in Angriff zu nehmen.
Erst in den ca. letzten 4–5 Jahren ging der Keim langsam auf. Anfangs war das Pflänzchen noch recht klein und wollte auch nicht wirklich schnell wachsen.
Von 2018 bis 2024 war ich für den Swiss Sailing Club als Skipper auf der 21m Aluminiumyacht TIMANFAY ehrenamtlich jedes Jahr von Mai bis Oktober unterwegs. In dieser Zeit haben wir viele Törns, vor allem in der nördlichen Hemisphäre, unternommen.
Während Corona wuchs der Keim langsam heran. So ab 2023 wurde aus dem Keim langsam ein Bäumchen und dieses schlug Wurzeln. Als sich das Plänzchen immer weiter im Boden verfestigte, stellte sich die erste Frage. Nach reiflicher Überlegung wurde diese mit einem eindeutigen Ja beantwortet. Auch die zweite Frage wurde relativ schnell mit Ja beantwortet. Die dritte Frage gestaltete sich schon etwas schwieriger. Zunächst war die Idee, die Timanfaya für dieses Projekt so anzupassen, dass sie einhändig bedienbar wäre. Diese Idee wurde aus Logistischen sowie Kostengründen aber sehr schnell verworfen. Das führte dann unweigerlich zu der Frage: „Mit welchem Schiff dann?" So wurde die Entscheidung gefällt dieses Projekt mit einem anderen, kleineren, Schiff zu verwirklichen. Dies wiederum bedingte den Verkauf der Timanfaya. Jeder, der sich auf dem Gebrauchtbootmarkt etwas auskennt wird wissen das man Segelyachten, noch dazu in dieser Größe, nicht wie warme Wäggli verkauft. Also startete ich einen Versuchsballon in Form einer Verkaufsanzeige. Zunächst war der Plan nur mal zu schauen ob es überhaupt einen Interessenten geben würde. Und siehe da, es meldeten sich doch einige potenzielle Käufer. Aber auch hier weiß der Kenner das mindestens 90 % derjenigen nur "Schnacker" sind. Dennoch hatten wir großes Glück. Einer der Kandidaten schien wirklich sehr interessiert. Nach zwei Probetörns und einer Preisanpassung, mit der beide Parteien leben konnten, wurde die Timanfaya Ende 2024 an den neuen Eigner übergeben.
Das Schiff ist heute als "ENOLA" wieder auf den Meeren der Welt unterwegs. Hier der Link zur Homepage: SY ENOLA
Nach dem Verkauf stelle sich nun die Frage nach einem anderen Schiff.
Im September hatte ich in Kopenhagen ja bereits ein durchaus passendes Schiff gesehen. Bei meiner Suche im Netz stolperte ich dann tatsächlich über selbiges. Also machte ich mit dem Verkäufer im November 2024 einen ersten Besichtigungstermin in Kopenhagen ab.
Die ersten Eindrücke des Schiffes waren recht positiv. Es war zwar klar das noch einiges an Arbeit auf mich zukommen würde. Aber die Grundsubstanz war, trotz der langen Standzeit an Land, überraschend gut. Während eines zweiten Besichtigungstermins, kurz vor Weihnachten 2025, vertiefte sich dann meine Sympathie zum Schiff. In Folge fanden nun die üblichen Preisanpassungsverhandlungen statt. Ostern 2025 ging es, nach dem alle Verhandlungen für beide Parteien zufriedenstellend verlaufen waren, zur Schiffsübernahme erneut nach Kopenhagen. Nun wurden die Verträge unterschrieben und die endgültigen Übergabemodalitäten für Juni 2025 präzisiert. Nach der endgültigen Schiffsübernahme Mitte Juni 2025 wurde ein neuer Unterwasseranstrich angebracht, der Mast gestellt und die Segel angeschlagen. Allerdings gab es noch ein kleines Problemchen. Ich konnte den Motor zwar starten aber leider war der Wärmetaucher, mangels rechtzeitiger Ersatzteillieferung des Lieferanten, noch out of order was dazu führte das ich ohne Maschine meine Reise nach Peenemünde antreten musste. Aber ich will ja Einhand nonstop um die Welt segeln. Da kann ja ein Törn von Kopenhagen nach Peenemünde ohne Maschine kein Hindernis sein. Erwähnen sollte ich vielleicht noch das auch keinerlei elektronischen oder sonstigen Hilfsmittel wie Logge, Echolot oder Autopilot an Bord zur Verfügung standen.
Doch der Wettergott war mir hold. Für Montag den 30. Juni war Wind aus N-NW angesagt. Die Wetterlage war stabil und sagte voraus das bis Dienstag der Wind anfangs mit 10-15 und später bis 35 Konten aus N-NW blasen würde. Also gingen am Montag morgen 5:00 die Leinen los, die Segel hoch und ab ging die Reise von der Marina Lynetten nach Peenemünde.
Der Wind hielt sein versprechen und trug mich in Rauschefahrt durch die Ostsee Richtung Peenemünde.
Der geneigte Leser wird sich fragen: Wie kann man nur ohne Maschine, ohne Log, Echolot und Autopilot alleine durch dieses viel befahrene und mit Windparks gespickte Revier segeln?
Dazu folgendes.
1. Ich hatte natürlich gültige Papierseekarten sowie Navionics auf dem Handy.
2. Ein funktionierendes UKW Funkgerät war an Bord und das Handynetz in diesen Regionen ist flächendeckend.
3. Ich kenne diese Revier wie meine Westentasche. Ich bin seit Mitte der 90iger sehr oft in den Revieren der Dänischen Südsee gesegelt. Vor allem die Passage Peenemünde-Kopenhagen-Nordatlantik bin ich etliche male durchpflügt. Das Revier um Rügen und Hiddensee kenne ich seit meiner Kindheit. Man kann also sagen ich kenne dort jeden Stein, jede Tonne und auch alle Marinas die ich hätte im Notfall anlaufen können.
4. Ich hatte auch mehrere Notfallszenarien für den Fall das etwas schief gehen würde. Also mögliche Ankerplätze oder grosse Häfen welche man auch unter Segel anlaufen könnte.
Alles in allem schätze ich die Gefahren als beherrschbar ein.
Da der Wind kurz vor dem Hafen immer noch mit ca. 15kn aus NW blies nahm ich das Angebot von Daniel, welcher mich mit seinem Arbeitsboot kurz vor dem Hafen auf den Haken nahm und zum Liegeplatz schleppte, dankend an.
So ergab es sich das ich nach ca.112 Seemeilen um 22:30, nach knapp 17,5 Stunden und einem Schnitt von rund 6,4 kn in Peenemünde die Leinen über den Poller werfen konnte.
Somit war meine erste Einhand Nonstop Passage mit dem neuen Schiff erfolgreich abgeschlossen.
Nun beginnt die wirkliche Herausforderung. Mein Plan ist es das Schiff bis zum Herbst 2026 so anzupassen des es für mein Projekt tauglich ist.
Also: “Auf ihn mit Gebrüll“